Vor ein paar Jahren wollte ich in einer neuen Apotheke arbeiten und suchte — laut meiner Bewerbung — nach einer neuen Herausforderung.

Eigentlich sollte der neue Job die Herausforderung sein und nicht die Suche danach.

Wie sich herausstellte, war das nämlich gar nicht so einfach, eine Apotheke zu finden, in der man arbeiten kann, wenn man die Homöopathie grundlegend ablehnt.

Für mich ist das unverständlich, da wir immer noch Fachleute für Arzneimittel sind und daher wissen, dass die Homöopathie keine Wirkung hat, die über den Placeboeffekt hinausgeht.

Ich durchforstete also die Stellenangebote und musste immer wieder Formulierungen wie diese lesen:

Wir suchen ab sofort einen freundlichen Apotheker für unsere homöopathisch orientierte Apotheke.

Sie sollten der Homöopathie gegenüber aufgeschlossen sein.

Wir suchen eine Apothekerin oder einen Apotheker mit Kenntnissen in der Homöopathie.

Das gleiche Bild zeigt sich auch auf den Homepages einiger Apotheken: Homöopathie hier, Homöopathie dort.

Ich verstehe das nicht! Und es ärgert mich maßlos!

Die haben, genauso wie ich, Pharmazie studiert! Ein sehr naturwissenschaftlich ausgerichtetes Studium. Wir kennen die Grundlagen. Wir wissen, dass die Homöopathie Unsinn ist, da die Theorie auf der sie basiert, Unsinn ist. Wir sind auch keine Heilpraktiker, die grundsätzlich jede wissenschaftliche Erkenntnis zu ignorieren scheinen.

Wie kann es also sein, dass jemand, der Pharmazie studiert hat, homöopathische Mittelchen verkauft, als würde es sich dabei um (richtige) Medizin handeln?

Mit “verkaufen” meine ich: aktiv anbieten. Denn solange homöopathische “Arzneimittel” apothekenpflichtig sind, bleibt uns nichts anderes übrig, als sie zu verkaufen — wenn es der Kunde wünscht und sich nicht umstimmen lässt.

Genauso wenig bleibt es uns erspart, Globuli zu Lasten der Krankenkasse auf Rezept abzugeben, wenn es der Arzt so möchte.

Warum also machen meine Kolleginnen und Kollegen das? Warum ignorieren sie die Fakten?

Aus Geldgier? Ganz sicher nicht! Vor allem nicht die angestellten Apotheker! Was sollte es auch finanziell bringen, ein homöopathisches Präparat zu verkaufen, anstelle zum Beispiel einer pflanzlichen Alternative, die im Gegensatz zu dem homöopathischen Mittelchen eine Wirkung bieten kann, die über den Placeboeffekt hinausgeht?

Zu fast allem bekommt man auch eine wirksame Alternative. Gut, manchmal gibt es einfach keine, weil die Homöopathie sehr kreativ ist und sogar Globuli gegen Liebeskummer anbietet. Sie muss schließlich keine Wirksamkeit nachweisen. Dann kann man natürlich alles behaupten.

Sicherlich bleiben ein paar Kunden weg, wenn man von der Homöopathie abrät, da manche Kunden der Meinung sind, dass alles was eine nachgewiesene Wirkung hat, böse Chemie ist. Aber diese Kunden will man in der Regel nicht.

Was ich bei den Kolleginnen und Kollegen, die Homöopathie aktiv empfehlen, immer wieder beobachte, ist, dass sie das aus reiner Überzeugung machen. So kann es auch vorkommen, dass sie den Kunden auch mal von (richtiger) Medizin abraten, um ihnen etwas homöopathisches aufzuquatschen.

Für mich ist das ein absolutes No-Go! Wenn jemand mit einem ernsthaften Problem in die Apotheke kommt und bei uns Fachleuten Hilfe sucht, dann möchte er von uns auch wirksame Hilfe bekommen und nicht irgendein Zeug, das lediglich einen Placeboeffekt hat und genauso absurd ist, wie die Behauptung, die Erde sei eine Scheibe oder das Coronavirus nicht echt!

Wie sonst sollen wir ernst genommen und respektiert werden, wenn wir es nichtmal schaffen, den Hokuspokus aus den Apotheken zu verbannen und ihn stattdessen noch aktiv empfehlen?

Wie verhalte ich mich richtig, wenn der Kollege oder die Kollegin ein homöopathisches Mittelchen empfohlen und dann für den Kunden extra bestellt hat und der Kunde es dann bei mir abholt und wissen möchte, ob das tatsächlich wirkt?

Ich möchte weder den Kunden anlügen, noch den Kollege in die Pfanne hauen. Aber der Kollege hat sich selbst in diese Situation gebracht, der Kunde hat schließlich nur auf den Rat des Fachmanns gehört.

Ich habe letztens eine Kollegin darauf angesprochen, warum sie an die Homöopathie glaubt. Ihre Antwort:

“Was interessiert es mich, ob die Wirkung der Globuli wissenschaftlich belegt ist, wenn sie doch helfen.”

Was soll ich darauf antworten, wenn selbst Fachleute nicht den Unterschied zwischen Wirkung und Placeboeffekt kennen?

Das ist eine Schande für unseren Beruf und wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn unsere Reputation darunter leidet.

Ich kann noch irgendwie damit leben, wenn erwachsene Menschen nicht belehrbar sind und sich selbst homöopathisch behandeln. Wenn sie beratungsresistent sind, ist das ihr Problem. So lange sie bei anderen keinen Schaden anrichten, soll es mir egal sein.

Aber was mich richtig sauer macht, ist, wenn hilflose Kinder ins Spiel kommen! Dann kann es auch schon mal sein, dass ich im Kundengespräch etwas wütend werde, wenn die Person vor mir so fest von ihren homöopathischen Mittelchen überzeugt ist, dass das Kind darunter leiden müsste, weil ihm dadurch eine richtige Behandlung verwehrt wird.

Eine junge Mutter wollte den Durchfall ihres Babys rein homöopathisch behandeln.

Bei Kleinkindern und vor allem bei Babys kann ein Durchfall aufgrund des Wasser- und Elektrolytverlustes schnell gefährlich werden. Das Kind könnte sogar daran sterben.

Das ist also kein “dann behandel halt homöopathisch, das kann ja nicht schaden” mehr, sondern das ist unverantwortlich und gefährlich.

Aber solange es die Homöopathie in den Apotheken gibt und Fachleute, daran glauben und sie empfehlen, wird sie von den Laien als richtige Medizin wahrgenommen. Und das darf einfach nicht sein.

Die Homöopathie hat keine Wirkung, die über den Placeboeffekt hinausgeht.

Die Homöopathie wirkt nicht natürlich, sie wirkt natürlich nicht.

Das kann man nicht oft genug betonen und darüber gibt es eigentlich auch nichts zu diskutieren.

In der Apotheke sollte alles, was den Anspruch hat, ein Arzneimittel zu sein, eine nachgewiesene Wirkung haben. Man muss sich als Kunde sicher sein können, dass die empfohlene Arznei auch wirklich wirkt. Nachgewiesenermaßen.

Deshalb muss die Homöopathie endlich raus aus den Apotheken!

Es ist an der Zeit.

Dieser Artikel erschien erstmalig am 25.07.2019. Das ist die aktualisierte Version.

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Ein Kommentar zu „Warum die Homöopathie endlich raus aus den Apotheken muss“

  1. […] Schwurbelnde Kolleginnen und Kollegen sind schlecht für unseren Ruf. Ich kann das nicht oft genug betonen. Wer mit einem echten Problem zu uns kommt, möchte auch eine echte Lösung. Das ist unser Job. Man stelle sich vor, der Kunde oder die Kundin kommt nach Hause und erfährt dann erst, dass es sich um Pseudomedizin handelt, was der Fachmann ihr da empfohlen hat. Das geht einfach nicht. Noch schlimmer: Wenn für das kranke Kind Homöopathie empfohlen wurde. […]

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