Wenn man mich im Kundengespräch beobachtet und sich wundert, warum ich plötzlich meine Augen verdrehe, dann hat meine USK genau diesen Satz gesagt. Mal wieder.

Meine USK? Das ist meine Ultra-Schwurbel-Kollegin. Ich mag sie eigentlich. Sie ist sehr nett. Und ich möchte auch nicht schlecht von ihr reden — deshalb schreibe ich es lieber.

Wie die meisten von euch bereits wissen, bin ich der Meinung, dass wir unsere Kunden entsprechend des aktuellen Stands der Wissenschaft beraten müssen. Wir sind ja schließlich Fachleute und keine Heilpraktiker, die immer genau das Gegenteil tun.

Als Fachleute ist es unsere Pflicht, nur das zu empfehlen, was auch wirklich eine nachgewiesene Wirkung hat. Empfehlen wir Arzneimittel, deren Wirkung nicht über den Placeboeffekt hinausgeht, haben wir es nicht verdient, als Fachleute angesehen zu werden. Zumindest dann nicht, wenn der Fall klar ist. Wie bei der Homöopathie.

Schwurbelnde Kolleginnen und Kollegen sind schlecht für unseren Ruf. Ich kann das nicht oft genug betonen. Wer mit einem echten Problem zu uns kommt, möchte auch eine echte Lösung. Das ist unser Job. Man stelle sich vor, der Kunde oder die Kundin kommt nach Hause und erfährt dann erst, dass es sich um Pseudomedizin handelt, was der Fachmann ihr da empfohlen hat. Das geht einfach nicht. Noch schlimmer: Wenn für das kranke Kind Homöopathie empfohlen wurde.

Meine USK sieht das allerdings etwas anders. Sie hat ihre eigene Meinung darüber, was wirksam ist und was nicht.

Man kann ja gerne seine eigene Meinung zu irgendwelchen Dingen haben. Nur, widerspricht die Meinung die man hat, dem aktuellen Stand der Wissenschaft, hat sie in der Kundenberatung in der Apotheke nichts zu suchen. Punkt.

Ja, man findet immer wieder Neues raus. Nein, es wird niemals passieren, dass man tatsächlich nachweist, dass die Homöopathie wirkt und die Wissenschaft bisher falsch lag. Die Unsinnigkeit der Homöopathie erkennt man bereits an ihrer ihr zugrundeliegenden Theorie. Zumindest dann, wenn man nicht die Augen davor verschließt.

Aber auch das interessiert meine USK nicht. Sie bringt fast jedes Kundengespräch auf das Thema Homöopathie.

Jemand hat ein Arzneimittel ausprobiert und es hat nichts gebracht?

“Haben Sie es schon mal mit der Homöopathie probiert?”

Jemand hat das vom Arzt verordnete Arzneimittel nicht vertragen?

“Haben Sie es schon mal mit der Homöopathie probiert?”

Ich glaube manchmal, sie hat ganz einfach ihren Beruf verfehlt und wäre als Heilpraktikerin wesentlich besser aufgehoben. Dann könnte sie nach Gutdünken schwurbeln.

Augenscheinlich braucht es für sie noch nicht mal einen Grund, Homöopathie zu empfehlen. Sie tut es einfach. Immer und immer wieder. Als wäre die Homöopathie die Lösung aller Probleme.

Als Apotheker können wir uns an die Leitlinien halten, müssen es aber nicht. Es bleibt uns selbst überlassen, was wir unseren Kunden empfehlen. Nur, und da wiederhole ich mich gerne zum hundertsten Mal, darf es nicht sein, dass es für den Kunden zur Glückssache wird, ob er etwas Wirksames empfohlen bekommt oder nicht, je nachdem an welchen Apotheker er geraten ist.

Warum mein Chef nichts dagegen sagt?

Ich weiß es nicht!

Wenn ich eine eigene Apotheke hätte, was ich nicht möchte, würde ich großen Wert darauf legen, dass alle meine Angestellten die gleiche Linie fahren: Keine Homöopathie, keine Schüßler-Salze, keine Bach-Blüten, keine anthroposophische Medizin und was es sonst noch so an Geschwurbel da draußen gibt. Ich würde es wie Iris Hundertmark und wie Gregor Dinakis machen. Ich hätte das Zeug gar nicht erst da.

Homöopathie verkaufe ich nur, wenn es verlangt wird und meine Aufklärung darüber nichts gebracht hat oder wenn von Vorneherein klar ist, dass die Aufklärung nichts bringen wird. Warum habe ich in diesem Artikel beantwortet:

Wenn du nichts von Homöopathie hältst, warum verkaufst du sie dann?

“Haben Sie es schon mal mit der Homöopathie probiert?”

Ich kann es nicht mehr hören! Dieser Satz lässt mich nachts schweißgebadet aufwachen und “Nein, Nein!” brüllen.

I had a bad dream. Don’t be afraid, bad dreams are only dreams.

Wenn ich ehrlich bin, ist sie auch nicht meine erste Kollegin, die gerne rumschwurbelt und den Placeboeffekt für die eigentliche Wirkung hält.

Aber, sie ist bei weitem die Schlimmste von allen, was das angeht.

Jede Diskussion mit solchen Kolleginnen und Kollegen ist zwecklos und führt nur zu schlechter Stimmung. Sie lassen sich da nicht beirren. Im Gegenteil. Sie halten uns für befangen. Ihr wisst schon. Von der Pharmaindustrie manipuliert.

Ja, die Pharmaindustrie erzählt nicht immer die Wahrheit. Oft wird das deutlich, wenn man Schulungen zu den Produkten hat, die sie anbieten. In der Apotheke. Für alle Mitarbeiter, die im Handverkauf stehen und diese Produkte empfehlen sollen. Und Ja, oft klingt das logisch, was sie erzählen – wenn es nicht gerade um Pseudomedizin geht – aber oft sagen Studien eben was ganz anderes, als die Person die uns geschult hat.

Stehe ich neben meiner USK am HV-Tisch habe ich sogar ein schlechtes Gewissen, wenn ich meinen Kunden von der Homöopathie abrate. Als würde ich damit ihre religiösen Gefühle verletzen.

Das muss aufhören. Wenn etwas Quatsch ist, dann dürfen wir uns nicht schlecht fühlen, das zu äußern. Es ist viel eher unsere Aufgabe das zu tun. Wenn nötig, immer und immer wieder. Quatsch ist Quatsch und wir dürfen als Fachleute Quatsch nicht den Anschein verleihen, als wäre es keiner.

Wie heißt es so schön:

Wenn die Klügeren immer nachgeben, regieren irgendwann die Dummen die Welt.

Ob man diese Apothekerinnen und Apotheker als dumm bezeichnen sollte, müssen andere entscheiden. Aber im übertragenen Sinne trifft dieser Spruch zu.

Mittlerweile ist es September 2023, meine USK hat ihre Kügelchen eingepackt und sich in die Rente verabschiedet. Auch ich habe mich verabschiedet und arbeite in einer anderen Apotheke. Mein jetziger Chef hätte ihr Verhalten nicht geduldet. Gut so.

„Haben Sie es schon mal mit einem Arzneimittel versucht, das auch wirklich eine Wirkung aufweisen kann?“

P.S. Sollte ich sie jemals wieder sehen, schenke ich ihr eines dieser T-Shirt. 😜

Dieser Artikel erschien erstmalig am 06.08.2019. Das ist die aktualisierte Version.

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