Alles, was wir einnehmen und von dem wir eine bestimmte arzneiliche Wirkung erwarten, hat einen Placeboeffekt.
Schön lässt sich das zum Beispiel an der Einnahme von Baldriantabletten beobachten: Baldrian wird eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen eingenommen und soll sowohl das Einschlafen als auch das Durchschlafen unterstützen.
Was viele aber nicht wissen: Die Tabletten müssen jeden Tag eingenommen werden, denn die Wirkung tritt erst nach rund zwei Wochen ein. In der Apotheke höre ich immer wieder, dass die Patienten die Tabletten aber nur hin und wieder einnehmen, und zwar dann, wenn sie das Gefühl haben, nicht einschlafen zu können. Und siehe da, nach der Einnahme der Tabletten fällt ihnen das Einschlafen leichter.
Aber wie können sie dann wirken? Die Antwort liefert der Placeboeffekt.
Im Wissen, etwas gegen unsere Schlaflosigkeit getan zu haben, beruhigen wir uns, wir sind bereit für den Schlaf — und siehe da: er tritt tatsächlich ein.
Die Wirkung schreiben wir dann natürlich dem Baldrian zu, wir haben ja schließlich gerade eine Tablette eingenommen, damit wir besser einschlafen können. Aber es war aber nicht der Baldrian, es war der Placeboeffekt.
Möglicherweise hat Baldrian aber auch nur dann einen Placeboeffekt wenn wir ihn regelmäßig eingenommen haben.
Medizin Transparent, ein Projekt des Wissenschaftsnetzwerks Cochrane Österreich, das Gesundheitsbehauptungen wissenschaftlich überprüft, gibt folgendes zu Baldrian an:
„Trotz seiner Beliebtheit hat die Wissenschaft bisher keine guten Beweise für die Wirksamkeit von Baldrian als Schlafmittel sammeln können. Es gibt zwar eine Reihe von Studien über Baldrian – viele davon hatten nur wenige Teilnehmer, maßen unterschiedliche Symptome und verwendeten verschiedene Baldrian-Dosierungen. Und so waren die Ergebnisse bisheriger Studien oft weder belastbar noch untereinander vergleichbar. Dies macht es schwierig, über eine mögliche (Un-)Wirksamkeit von Baldrian zu urteilen.“
Quelle: https://medizin-transparent.at/baldrian-pflanzliches-schlafmittel-mit-fragezeichen/
Aber ganz grundsätzlich: Woher weiß ich denn nun, dass die Tablette, die ich geschluckt habe, für die Wirkung verantwortlich war und nicht der Placeboeffekt?
Wenn ich bei Kopfschmerzen eine Tablette einnehme, erwarte ich, dass der Schmerz dadurch nachlässt. Aber Kopfschmerzen vergehen meist auch dann, wenn ich eben keine Tablette einnehme. Die Frage ist nur: wann?
Nehmen wir mal an, jemand gibt mir eine Tablette und behauptet, es wäre eine Kopfschmerztablette. Ich nehme sie ein, in der Annahme, dass dadurch meine Kopfschmerzen endlich verschwinden werden.
Was aber, wenn die Tablette gar keine Kopfschmerztablette war?
Auch dann wären die Kopfschmerzen irgendwann verschwunden, weil Kopfschmerzen selbstlimitierend sind oder weil die Erwartung an die Tablette zu einer Linderung geführt hat.
Selbstverständlich ist man dann felsenfest davon überzeugt, dass es sich dabei um eine Schmerztablette gehandelt hat.
Das Problem ist aber, dass man im Nachhinein niemals weiß, was gewesen wäre, hätte man sich für die andere Option entschieden.
„Diese Tablette wirkt bei mir sehr gut!“
„Da war aber gar kein Wirkstoff drin!“
Andere Beispiele
Ich wache auf, bin müde und nehme eine Tablette ein, die mich wach machen soll. Nach einer Weile bin ich nicht mehr müde. Wäre ich ohne Einnahme der Tablette weiterhin müde gewesen? Wahrscheinlich nicht.
Manche Menschen sind davon überzeugt, dass sie sich nur deshalb seit ein paar Jahren keine Erkältung mehr eingefangen haben, weil sie bestimmte Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, die angeblich ihr Immunsystem stärken. Aber woher wissen wir eigentlich, ob sie sich ohne Einnahme der Nahrungsergänzungsmittel erkältet hätten? Liegt hier eine Kausalität vor?
Um herauszufinden, ob ein Arzneimittel besser wirkt als ein Placebo, werden Studien gemacht, sogenannte Doppelblindstudien. Hierbei wissen weder die Versuchsleiter noch die Studienteilnehmer darüber Bescheid, zu welcher Gruppe die Teilnehmer gehören. Die eine Gruppe erhält das Placebo, die andere das Arzneimittel mit dem aktiven Wirkstoff. Bei beiden Gruppen tritt der Placeboeffekt auf. Bei der Gruppe jedoch, die das richtige Arzneimittel bekommen hat, erwartet man eine den Placeboeffekt übertreffende Wirkung.
Wird beispielsweise ein Blutdrucksenker gegen ein Placebo getestet, muss das Arzneimittel den Blutdruck stärker senken, als das Placebo es tun würde. Schafft es das nicht, hat das Arzneimittel folglich keinen Nutzen.
Natürlich kann es aber auch vorkommen, dass wenn man zwei Placebos gegeneinander testet, das eine besser wirkt als das andere. Das nennt man Zufall. Die Homöopathen hingegen nennen es einen Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie.
In diesem Artikel erfahrt ihr, was der Noceboeffekt ist: Was ist eigentlich der Noceboeffekt?

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