Auf Steady kannst du meinen voraussichtlich täglich erscheinenden Infoletter abonnieren. Jede 5. Ausgabe ist kostenlos. Klicke hier: #DerApothekerInformiert – die kostenlosen Ausgaben

Mehr Infos

Ein junges Pärchen kam mit ihrem Neugeborenen in die Apotheke. Als sie an der Reihe waren, drückten sie mir ein grünes Rezept in die Hand.

Grüne Rezepte sind in der Regel Empfehlungen der Ärzte, die von den Krankenkassen meistens nur dann erstattet werden, wenn der Arzt oder die Ärztin etwas Pflanzliches oder leider auch etwas Homöopathisches oder Anthroposophisches empfohlen hat. Für ersteres habe ich Verständnis, für letzteres nicht. Keine Überraschung.

Da es sich also nur um eine Empfehlung handelt, mische ich mich nicht unbedingt in die Therapie des Arztes ein, wenn ich etwas anderes empfehle. In der Regel mache ich das aber nur dann, wenn ich um meine Meinung gefragt werde oder wenn ich erst auf den zweiten Blick erkennen kann, dass die Empfehlung von einem Arzt und nicht von einem Heilpraktiker kommt.

Wäre das Rezept hingegen rosa, also ein Kassenrezept, dann würde die Sache schon wieder anders aussehen. In dem Fall könnte ich aufgrund der Therapiehoheit des Arztes nicht vom verordneten Arzneimittel abraten, leider auch dann nicht, wenn der Arzt etwas aus dem Reich der Pseudomedizin verordnet hat.

Dass das dann leider doch manchmal nötig ist, darüber habe ich in dem Artikel Geschichten aus der Apotheke – Teil 18: „Ich möchte die Globulis gegen die Spulwürmer meines Sohnes abholen!” geschrieben.

Als ich sah, was auf dem grünen Rezept stand, war mir klar, dass den Eltern entweder nicht bewusst war, was ihnen da empfohlen wurde, etwas Anthroposophisches oder dass sie selbst zur Fraktion der Schwurbler gehörten. Der alte Konflikt.

Die anthroposophische Medizin ordnet dem Menschen vier Wesensglieder zu: den physischen Leib, den Ätherleib, den Astralleib und das Ich.

Eine Krankheit liegt angeblich dann vor, wenn es zu einer „Disharmonie der Wesensglieder” kommt. Um diese dann zu heilen, muss folglich das Gleichgewicht dieser Wesensglieder wiederhergestellt werden.

Anthroposophischen Heilmittel bestehen aus pflanzlichen, mineralischen, aber auch aus tierischen Grundstoffen und werden, wie in der Homöopathie, verdünnt und somit als Potenzen eingesetzt. Beim Potenzieren wird die „Arzneisubstanz” nicht nur stufenweise verdünnt, sondern man möchte durch rhythmische intensive Bewegungen die Kräfte aus der Substanz freisetzen und so in der Flüssigkeit auffangen.

Die anthroposophische Medizin hat keine Wirkung, die über den Placeboeffekt hinausgeht.

Um die Wesensglieder des Neugeborenen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, die wann auch immer und wie auch immer aus der Balance geraten sind, sollte ihm eine Mischung aus Kümmel, Tabak und Tollkirsche in den Enddarm geschoben werden.

Anthroposophische Kümmelzäpfchen

Als seriöser Apotheker und Gegner der Pseudomedizin konnte ich das natürlich nicht ignorieren.

Also sprach der Apotheker:

„Ihnen ist klar, dass es sich hierbei um anthroposophische Zäpfchen handelt?”

Ja, das wäre ihnen klar. Behaupteten sie zumindest. Doch das hielt sie nicht davon ab, es trotzdem kaufen zu wollen.

Also sprach der Apotheker:

„Ist Ihnen auch klar, dass darin geringe Mengen Tabak und Tollkirsche enthalten sind?”

Waaaaas? Tabak und Tollkirsche? Für einen Säugling? 😱

Nein, das hingegen war ihnen nicht klar. Ich erklärte, dass sich zwar nur geringe Mengen davon in den Zäpfchen befinden, aber der Zusatz dennoch unnötig sei.

In einem Zäpfchen befinden sich 0,5 Milligramm Tabak in einer D4 Potenz und 0,5 Milligramm Tollkirsche in einer D2 Potenz. Das Zäpfchen würde, wenn es vollständig vom Körper aufgenommen würde, dem Neugeborenen 0,005 Milligramm Tollkirsche und 0,00005 Milligramm Tabak zuführen.

Ja, das ist natürlich verschwindend gering.

Nur: Warum zum Teufel muss ich einem Säugling rektal überhaupt Tabak und Tollkirsche verabreichen?

Während Kümmel einen Effekt bei Blähungen haben könnte, zumindest dann, wenn er über den Mund eingenommen wird, sollen Tabak und Tollkirsche angeblich die Darmmuskulatur entkrampfen. Und natürlich sind sie nicht deshalb in den Zäpfchen enthalten, weil es eben der spirituellen und esoterischen Weltanschauung des Rudolf Steiners entsprach. Jener Person, der wir auch die Waldorfschulen zu verdanken haben. Ich tanze ein großes Dankeschön.

Meine Worte zeigten letztlich Erfolg und sie baten mich um eine Alternative. Ich verkaufte ihnen ein Pump-Liquid mit Simeticon als Wirkstoff.

Es kommt zu Blähungen, wenn vermehrt Gase im Darm gebildet werden. Diese Gase liegen gefangen in feinblasigen Schaum vor, weshalb sie nicht beziehungsweise kaum von der Darmwand aufgenommen werden können.

Simeticon verringert die Oberflächenspannung der Bläschen, was zur Folge hat, dass sie zerfallen und das Gas freigeben, wodurch es wieder vom Darm aufgenommen werden kann.

Da Simeticon nur im Darm wirkt und nicht ins Blut aufgenommen wird, kann es auch Säuglingen verabreicht werden.

Bevor sie gingen sagten sie zu mir:

„Da werden wir nochmal mit der Ärztin reden müssen, warum sie uns so einen Quatsch aufschreibt!”

Ja, das sollten sie vielleicht wirklich tun. Mehr kann ich als Apotheker nicht wollen, als ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass in der Medizin der Pseudomedizin zu viel Platz zugeteilt wird.

Die Ärztin hätte genauso gut eine Alternative empfehlen können, die nicht aus dem Reich der Fantasie entsprungen ist. Hat sie aber nicht.

Es wird Zeit, dass sich das ändert.

Dieser Artikel erschien erstmalig am 16.08.2019. Das ist die aktualisierte Version.

Geschichten aus der Apotheke – Alle Teile

Abonniere kostenlos jede fünfte Ausgabe meines informativen Infoletters: #DerApothekerInformiert – die kostenlosen Ausgaben

Alle Ausgaben des Infoletters bekommst du für rund 13 Cent pro Ausgabe. Damit erhältst du wichtige Informationen über Pseudomedizin, Arzneimittel, Krankheiten und vieles mehr.

Mitglieder im #DerApothekerClub erhalten nicht nur jede Ausgabe meines Infoletters, sondern auch ein Buch nach Wahl mit persönlicher Widmung sowie weitere Vorteilen.

Mehr Infos sowie eine Liste aller alten und zum Teil auch neuen Ausgaben des Infoletters findest du hier: Mein Infoletter

Weitere Themen, über die ich etwas geschrieben habe, findest du in der Themenliste.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Beliebt