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Während ich entspannt an meinem HV-Tisch stehe und mir nichts Böses denke, kommt eine Frau – Ende Dreißig – auf mich zu. Sie reicht mir einen Abholschein und sagt: „Ich möchte die Globulis gegen die Spulwürmer meines Sohnes abholen!”

Spulwürmer sind parasitäre Fadenwürmer, die bis zu 40 Zentimeter lang werden können. Sie leben im Darm von verschiedenen Tieren, können aber auch beim Menschen vorkommen. Der Menschen-Spulwurm, Ascaris lumbricoides, ist dabei der bekannteste und gefährlichste von ihnen.

Spulwürmer
Spulwürmer

Man infiziert sich mit diesen Würmern hauptsächlich durch den Verzehr von mit Wurmeiern kontaminierten Lebensmitteln oder Trinkwasser. Die Eier können in der Umwelt bis zu vier Jahre infektiös bleiben. 

Nachdem man die Eier über den Mund aufgenommen hat, schlüpfen die Larven im Dünndarm. Dort durchdringen sie die Darmwand und gelangen ins Blut, von wo aus sie zuerst zur Leber wandern. 

In der Leber entwickeln sie sich weiter, bevor sie dann ihre Reise über das Herz in die Lungen fortsetzen. Von den Lungen aus gelangen die weiterentwickelten Larven über die Bronchien zum Kehlkopf, wo sie oft einen Hustenreiz auslösen. Sie können dann abgehustet werden. 

Die geschluckten Larven landen schließlich wieder im Dünndarm, wo sie sich zu geschlechtsreifen Würmern entwickeln. Ein ausgewachsener Wurm kann täglich etwa 200.000 Eier legen, die anschließend mit dem Stuhl ausgeschieden werden.

Infektionen mit Spulwürmern können verschiedene Symptome hervorrufen, die abhängig von der Anzahl der aufgenommenen Eier sind. Bei einer starken Infektion können Fieberschübe, Bauchschmerzen und Veränderungen der Leber auftreten. Jährlich sterben weltweit etwa 20.000 Menschen an den Folgen einer Ascaris-Infektion.

Klingt wie etwas, das man mit Globuli behandeln kann, nicht wahr?

Ich versuche also cool zu bleiben und gehe mit dem Abholschein nach hinten, um nach dem Gegenstück zu suchen. Im Abholregal werde ich fündig. 

Auf dem Abholschein stehen nicht nur die bestellten Globuli, sondern es hängt auch noch ein mit einer Büroklammer befestigtes Kassenrezept dran. 

Ich erlange durch das Rezept mehrere Informationen:

  1. Die Mutter war tatsächlich beim Kinderarzt wegen der Spulwürmer. Dieser war jedoch der Meinung, dass es besser sei, die Würmer mit Zucker zu füttern, statt sie abzutöten.
  2. Das Kind ist erst sieben Jahre alt.
  3. Bei den verordneten Globuli handelt es sich um Abrotanum C200.
Abrotanum C200
Abrotanum C200

Was genau Homöopathie ist, wisst ihr wahrscheinlich schon, könnt ihr aber nochmal für die Details in meinem Artikel „Homöopathie wirkt nicht natürlich, sie wirkt natürlich nicht” nachlesen. 

Aber grundsätzlich gilt: Die Homöopathie hat keine Wirkung, die über den Placeboeffekt hinausgeht.

Abrotanum steht für Artemisia abrotanum. Die Eberraute. Das spielt aber keine Rolle, weil bis man zu einer C200 gelangt, schon laaaaaange kein Eberraute mehr enthalten ist.

D-Potenzen: Verdünnung 1:10

C-Potenzen: 1:100

Ab den Potenzen D24 und C12, die rechnerisch sowieso identisch sind, ist statistisch betrachtet, kein einziges Molekül des „Wirkstoffs” mehr in der Verdünnung zu finden. Das heißt folglich auch, dass alle weiteren Verdünnungen mit der vorherigen gleichzusetzen sind.

Aber und jetzt kommt der Clou, die Homöopathen behaupten, dass je höher eine Substanz potenziert wurde, desto stärker soll sie wirken.

Ist natürlich Quatsch. 

Um zu einer C200 zu gelangen, stellt man erstmal eine Urtinktur her. 

Die Urtinktur ist meistens ein pflanzlicher Auszug, dessen Inhaltsstoffe durch ein Ethanol-Wasser-Gemisch aus der Pflanze gelöst wurden. Sie enthält also tatsächlich Substanzen, die eine arzneiliche Wirkung hervorrufen könnten.

D6 bedeutet folglich, dass die Urtinktur sechs mal 1:10 verdünnt wurde und man schließlich eine 1:1.000.000-Verdünnung erhält.

C200 heißt, dass die Urtinktur 200 mal 1:100 verdünnt wurde. 

(1:100) ^ 200 = 1:10^400

Das bedeutet: 1 zu 1 gefolgt von 400 Nullen.

C200 entspricht also einer Verdünnung von: 

1:1.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000

Eine Lösung, die so stark verdünnt würde, enthält kein Abrotanum mehr. Da kann man noch so viel davon auf die Rohglobuli sprühen. Die Rohglobuli bleiben Rohglobuli.

Ich stehe jetzt also vor einem großen Dilemma. Die Mutter vertraut vermutlich ihrem Arzt und geht fälschlicherweise davon aus, dass diese Therapie ihrem Kind helfen wird.

In meinem Artikel “Wenn du nichts von Homöopathie hältst, warum verkaufst du sie dann?” habe ich darüber geschrieben, wie ich das mit der Aufklärung über Homöopathie handhabe:

Versuche ich die Person aufzuklären, dass die Homöopathie keine Wirkung hat, die über den Placeboeffekt hinausgeht?

Natürlich!

Ausnahme Nummer 1:

Es ist von vornherein klar, dass meine Aufklärung keinen Zweck haben wird. Diskussionen mit solchen Menschen sind sinnlos und kosten nur Zeit und Energie.

Ausnahme Nummer 2:

Ein Arzt oder eine Ärztin hat das homöopathische Mittelchen verschrieben. Sie haben die Therapiehoheit und wir den Kontrahierungszwang.

(Trotzdem erwähne ich, dass es sich dabei um ein homöopathisches Mittelchen handelt.)

Das ist hier ein typischer Fall von „Ausnahme Nummer 2”. Der Arzt hat Therapiehoheit und ich einen Kontrahierungszwang. Das heißt, er kann verordnen, was er für richtig hält und ich als Apotheker muss es abgeben.

Aber Homöopathie für Kinder ist für mich ein No-Go. Vor allem dann, wenn es einer richtigen Behandlung bedarf. Wie in diesem Fall.

Ich erwarte nicht, dass die Mutter mich mit Dankbarkeit überschüttet, wenn ich sie darauf hinweise, dass ihrem Kind mit den Globuli nicht geholfen wird. Was ich erwarte ist, dass ihrem Kind geholfen wird. 

Mit dem Rezept, den verordneten Globuli und diesem Konflikt in meinem Kopf gehe ich also wieder nach vorne.

„Ich weiß nicht, ob Sie sich mit der Homöopathie auskennen, aber das, was der Arzt Ihrem Sohn verordnet hat, ist reiner Zucker, da ist nichts drin, was auch nur die geringste Wirkung gegen Spulwürmer haben kann.”

Die Mutter wird wütend und laut: „Ich habe Sie nicht um Ihre Meinung gebeten!”

Boom. Schockiert über ihre Antwort, dass sie es tatsächlich besser wissen könnte, sich aber entschieden hat, dass es ihr egal ist, ob ihr Kind eine richtige Behandlung erhält, erwidere ich folgendes:

„Okay, Sie wissen also genau, was Sie da tun!”

Eigentlich habe ich das mehr zu mir als zu ihr gesagt.

Hab ich gerade noch geschrieben, dass sie wütend und laut wurde? Jetzt wurde sie richtig wütend und richtig laut. Sie ist förmlich ausgetickt. Ja, ich denke, das beschreibt es am besten. Auch das ein oder andere Schimpfwort knallte sie mir an den Kopf. Nur, weil ich wollte, dass ihr Kind nicht leiden muss.

Ich bleibe relativ ruhig und gehe nicht darauf ein. Irgendwann wird es mir aber auch zu blöd und ich erwidere in einem etwas lauterem Ton, um gegen ihr Gebrüll anzukommen, dass es sich bei ihrem Sohn um ein kleines Kind handelt. Ein kleines Kind, das eine Behandlung benötigt! Eine wirksame!

Sie brüllt noch eine Weile, bevor sie dann mit ihren knapp 20 Euro teuren “Globulis”, die ihre Krankenkasse bezahlen wird, die Apotheke verlässt.

Jedes Mal, wenn man als Apotheker über die Homöopathie aufklären möchte, riskiert man, dass genau so etwas passiert! Das ist nicht angenehm und das macht keinen Spaß. Auch deshalb riskiert man es manchmal vielleicht erst gar nicht. Aber in so einem Fall, muss das Risiko eingehen, wie ich finde.

Das ist nicht das erste Mal und das wird auch sicher nicht das letzte Mal sein, dass ich in so eine Situation gekommen bin.

Für mich ist das ein weiteres Indiz dafür, dass es in Deutschland viel zu viele Menschen gibt, die sich immer weiter von der Wissenschaft entfernen. Und das finde ich äußerst besorgniserregend. Denn so schlimm wie zur Zeit, war es noch nie. Zumindest kommt es mir so vor.

Und auch deshalb finde ich, dass die Homöopathie als Pseudomedizin nichts in den Apotheken zu suchen hat. Wäre sie nicht apothekenpflichtig, hätte der Arzt sie auch nicht verordnen können. 

Viele Kollegen, die ebenfalls nichts von der Homöopathie halten, sind da anderer Meinung als ich. Ihr Standpunkt ist, dass die Homöopathie alleine deshalb in die Apotheken gehöre, damit wir die Kunden darüber aufklären und sie ihnen ausreden können, wenn sie sich oder jemand anderen damit schaden würden. Stattdessen könnten wir ihnen ja einfach was Wirksames empfehlen.

Tja, was soll ich sagen, liebe Kollegen? Ich akzeptiere eure Meinung, aber ihr seht, dass das oft nicht funktioniert.

Nachdem die Frau dann endlich weg war, habe ich mich noch ein wenig bei meinen Kolleginnen nach dem Arzt erkundigt und siehe da, Spulwürmer scheinen wohl seine Lieblingsdiagnose zu sein.

Mir wurden Fälle berichtet, dass die Leute mit ihren Kindern hin gegangen sind und er ohne Untersuchung sofort Spulwürmer diagnostizierte.

Das Kind hustet? Spulwürmer.

Das Kind hat hohes Fieber? Spulwürmer.

Das Kind hat Durchfall? Spulwürmer.

Also wer weiß, ob der Junge tatsächlich Spulwürmer hatte oder nicht. Vermutlich könnte das ein Arzt herausfinden. Ein richtiger Arzt.

Solche Schwurbelärzte, wie diesen Kinderarzt, halte ich für höchst gefährlich. 

Muss denn erst ein Kind sterben, bevor da mal etwas passiert? 

(Wie ich erfahren habe, war es mehr als einmal fast soweit.)

Ärzte sind approbierte Fachleute.

Genauso wie Apotheker.

Und wer ein approbierter Fachmann oder eine approbierte Fachfrau ist, sich aber nicht so verhält, hat seine Approbation vielleicht auch nicht verdient.

 

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2 Kommentare zu „Geschichten aus der Apotheke – Teil 18: „Ich möchte die Globulis gegen die Spulwürmer meines Sohnes abholen!”“

  1. Avatar von Wolfgang Becker-Freyseng
    Wolfgang Becker-Freyseng

    Im Gegensatz zur Homöopathie sind deine Berichte höchst wirksam. Danke dafür und noch möglichst viele!

  2. Hallo 🙂

    Im Ihrem Artikel steht, dass die Globuli extra bestellt werden.
    Werden die vom Hersteller tatsächlich mit potenziertem Wasser besprüht???

    Oder ist da am anderen Ende eine Firma, die Flaschen mit Zuckerkugeln befüllt und einen Etikettendrucker hat?
    Bestellung kommt, gefordertes Etikett drucken, draufpappen und losschicken?

    Glauben die „Hersteller“ ihren Schwurbel, oder „verarschen“ die einfach alle und nehmen nur gerne das Geld?

    MfG
    Ludwig

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