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Chapter 1: Der Kunde kommt
Ein etwa fünfzigjähriger Mann kam zu mir an den Handverkaufstisch und überreichte mir ein Privatrezept mit einem angetackerten Kassenbon. Zusätzlich drückte er mir ein Kassenrezept in die Hand.
Das konnte nur eines bedeuten: Dieser Mann möchte Geld von mir!
Chapter 2: Der Notdienst
Damit die Patienten rund um die Uhr versorgt werden können, haben Apotheken Notdienst.
Alles schläft, einer wacht. Es ist der Apotheker in der Nacht. (Häufiger ist es allerdings die Apothekerin, da schließlich viel mehr Frauen in den Apotheken arbeiten als Männer.)
Während des Notdienstes ist die Apotheke in den meisten Fällen geschlossen und wir bedienen durch ein kleines Fenster, durch das im Winter eiskalte Luft in die Apotheke zieht.
Dass wir die Apotheken nicht offen haben, dient vor allem unserem eigenen Schutz, denn: Freaks come out at night.
Davon abgesehen schlafen wir nachts. Da möchten wir nicht, dass jemand durch die Apotheke läuft.
Vor einer Weile arbeitete ich in einer Apotheke, die das Notdienstbett in der Schleuse hatte. Das bedeutet, dass nachts der Fahrer des Großhändlers in dieses Zimmer kam, in dem ich schlief und die Kisten mit den bestellten Arzneimitteln neben mein Bett stellte. Ja, fand ich nicht so toll.
Aber ich schweife ab. Weiter im Text. Wenn ihr also nachts in die Notaufnahme eines Krankenhauses gefahren seid, aus welchem Grund auch immer, dann bekommt ihr von den Ärzten dort kein Kassenrezept ausgestellt, sondern ein Privatrezept. Meistens sind diese ungültig, weil sehr oft irgendwelche verpflichtenden Daten, vor allem das Ausstellungsdatum, fehlen!
Da ihr das Rezept dann natürlich sofort in der Apotheke einlösen wollt, da es ja schließlich ein Notfall ist, googelt ihr, welche Apotheke in eurem Ort gerade Notdienst hat.
Wenn ihr das herausgefunden habt, dann fahrt ihr dort bitte ohne Umschweife einfach hin.
Wie gesagt, wir schlafen. Wenn ihr also nachts um 3 Uhr bei uns vor der Apotheke steht und klingelt, dann weckt ihr uns in der Regel. Das ist ok. Aber habt bitte Geduld, denn wir müssen erst einmal aufwachen, uns kurz was überziehen, im Spiegel checken, ob man so unter Menschen gehen kann und dann schlaftrunken zur Notdienstklappe schlendern. Das dauert vielleicht zwei bis drei Minuten. Ihr braucht in den drei Minuten also nicht 187 Mal klingeln. Einmal reicht. Versprochen. Die Notdienstklingeln sind in den meisten Fällen so laut, dass einem beinahe das Herz stehen bleibt, wenn jemand klingelt. Also entspannt euch. Haltet die drei Minuten einfach aus. Ich weiß, dass es für manche eher akzeptabel ist, fünf Stunden in der Notaufnahme zu warten, als fünf Minuten in der Apotheke, aber es ist wirklich nicht nötig sturmzuklingeln und uns mit Hass in den Augen zu begrüßen.
Es ist auch wirklich nicht nötig, vorher anzurufen und zu fragen, ob wir geöffnet haben. Das belastet unsere zukünftige Beziehung etwas. Wir mögen das nicht. Wir werden nicht gerne unnötig geweckt.
Denn: Wir haben nicht geöffnet, wir haben Notdienst.
Das heißt auch: Hat es Zeit bis morgen, hat es Zeit bis morgen.
Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob es Zeit bis morgen hat, dann kommt bitte!
Ihr braucht die Pille danach? Dann kommt bitte!
Es kommt auch durchaus vor, dass das Arzneimittel, das euch der Arzt oder die Ärztin verordnet hat, dann im Notdienst nicht da ist. Vor allem, weil viele Ärzte ständig dasselbe verordnen. Wenn ich das Arzneimittel fünfmal da habe, kann ich es dem sechsten eben nicht mehr geben. Manchmal gibt es noch andere Möglichkeiten, aber eben nicht immer. Sich darauf vorzubereiten ist auch nicht immer möglich.
Nochmal zum nächtlichen Anruf. Was akzeptabel ist, ist anzurufen, ob wir das Arzneimittel, das ihr dringend braucht, da haben. Das ist okay.
Chapter 3: Der Kunde geht
Der Herr, um den sich diese Geschichte dreht, hat nachts in der Notaufnahme eines Krankenhauses ein Antibiotikum verschrieben bekommen, das er sich bei uns dann im Notdienst abholte.
Am nächsten Tag ging er dann zu seiner Ärztin und ließ sich das Antibiotikum erneut auf einem Kassenrezept verordnen. Jedoch nicht deshalb, weil er das Antibiotikum ein zweites Mal haben wollte, sondern weil er nicht auf den Kosten sitzen bleiben wollte. Seine gesetzliche Krankenkasse sollte die Kosten übernehmen. Verständlich.
Dazu bedrucken wir in der Apotheke das Kassenrezept mit dem Arzneimittel, welches er zuvor bekommen hat und zahlen ihm den Betrag abzüglich der Zuzahlung – falls er nicht befreit ist – und abzüglich der Notdienstgebühr von 2,50 € wieder aus. Mit einem E-Rezept funktioniert das genauso.
Die Notdienstgebühr muss man an Werktagen von 20 Uhr bis 6 Uhr bezahlen. An Sonn- und Feiertagen ganztägig.
Allerdings bekommt er sein Geld nur dann wieder, wenn seine Krankenkasse die Kosten für das Arzneimittel übernimmt. Das tut sie jedoch nur, wenn das im Notdienst abgegebene Arzneimittel ein Rabattarzneimittel dieser Krankenkasse ist. Ist es das nicht, bezahlt es die Kasse nur, wenn der Arzt oder die Ärztin exakt das Arzneimittel verordnet, das wir im Notdienst abgegeben haben, und einen Austausch durch ein Aut-idem-Kreuz ausschließt.
In dem Fall war das verordnete Antibiotikum allerdings kein rabattiertes Arzneimittel und seine Ärztin hat den Austausch nicht ausgeschlossen. In solchen Fällen könnten wir theoretisch den Rabattpartner umgehen und behaupten, dass es ein dringender Fall wäre. Was aber Betrug wäre. In diesem Fall war das auch nicht möglich, da es sich noch nicht mal um eines der vier preisgünstigsten Generika handelte.
Ergo musste er zurück zu seiner Ärztin gehen, in der Hoffnung, dass sie ihm exakt dieses Arzneimittel aus dem Notdienst verordnet und zusätzlich noch den Austausch mittels Aut-idem-Kreuz ausschließt.
Ich notierte die Pharmazentralnummer des Antibiotikums auf einen Zettel und schrieb eine kurze Notiz dazu, dass ein Aut-idem-Kreuz von Nöten sei.
Angepisst verließ er die Apotheke und marschierte erneut in Richtung Praxis.
Ring, Ring, Ring.
Chapter 4: Die Ärztin
Während ich gerade einen Kunden bediente, wurde ich von meiner Kollegin ans Telefon gerufen. Es war seine Ärztin. Wütend. Auf mich.
“Warum zahlen Sie ihm nicht sein Geld aus?”, begrüßte sie mich in einem unfreundlichen Ton.
Ich erklärte ihr mit einer Engelsgeduld, dass das in diesem Fall nur dann gehe, wenn sie ein Aut-idem-Kreuz setzen würde.
“Nein, das stimmt nicht!”, schimpfte sie, “Zahlen Sie ihm bitte das Geld aus. Ich werde kein Kreuz setzen.”
Ich erwiderte, ich könne ihm das Geld nur dann geben, wenn wir das Geld später von seiner Krankenkasse bekämen und dafür müsse sie nun mal ein Aut-idem-Kreuz setzen, da es kein Rabattarzneimittel sei. Sonst blieben wir auf den Kosten sitzen.
“Doch das geht schon!”, meckerte sie mich an.
“Nein, das geht nicht!”, erwiderte ich.
“Immer machen Sie Probleme! Als ich letztens in der Apotheke war, da haben Sie auch schon solche Probleme gemacht!”
(Ich kannte diese Ärztin nicht. Wahrscheinlich war mein “Probleme machen”, dass ich ihren Arztausweis sehen wollte, bevor ich ihr ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel gab.)
Ich wurde sauer!
“Erstens mache ich nicht die Regeln und zweitens schon gar keine Probleme.”
Sie wiederholte, dass sie kein Aut-idem-Kreuz setzen werde und ich ihm das Geld geben müsse und überhaupt sei es Quatsch, was ich da erzähle.
“Da Sie offensichtlich nicht in der Lage sind, das zu verstehen, brauchen wir auch nicht weitersprechen und Sie nicht meine Zeit vergeuden!”, gab ich etwas angepisst zurück.
Daraufhin legte ich den Hörer unsanft auf. Nicht meine feinster Moment.
Kurzer Blick auf die Fitbit. Puls: 180.
Ich beruhigte mich kurz, nahm einen Schluck von meinem köstlichen Earl Grey Tea und ging wieder nach vorne zu den Kunden.
Chapter 5: Der Kunde kommt erneut
Wer stand da leicht abseits und wartete auf mich? Mr. Give-me-my-money-back.
Ich erklärte ihm, dass ich gerade mit seiner Ärztin telefoniert habe und sie nicht in der Lage war, den Sachverhalt zu verstehen und sich weigerte, ein Kreuz zu setzen. Also könnte ich ihm das Geld leider nicht auszahlen.
Er wurde leicht aggressiv und drohte, mich und seine Ärztin zu verklagen.
Jetzt wurde es richtig absurd. Ich sagte ihm, dass weder sie dazu verpflichtet sei, das Rezept umzuschreiben, noch müssten wir ihm das Geld wieder auszahlen. Das sei quasi ein Freundschaftsdienst der Apotheke und er könne jederzeit das Geld auch bei seiner Kasse anfordern.
“Ich habe keine Lust, wie ein Ping-Pong-Ball immer hin und her zu rennen! Dann schreiben Sie mir genau auf, was sie machen soll!”
Darauf hatte ich aber keine Lust, da ich ihr bereits alles am Telefon erklärte und sie nicht bereit war, das Kreuz zu setzen.
Ich hatte die Schnauze gestrichen voll von ihm und seiner unfreundlichen Ärztin.
“Geben Sie mir jetzt endlich mein Geld!”, wurde er laut.
Das Gespräch wurde immer hitziger. Er klang wie eine leiernde Schallplatte.
Mir platzte der Kragen.
“OK, da weder Sie noch Ihre Ärztin verstehen wollen, dass es so nicht funktioniert, ist es mir jetzt zu blöd und ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen!”
Daraufhin drehte ich mich um und ging an meine Kasse, um den nächsten Kunden in der Schlange aufzurufen.
Dieser drückte mir ein Rezept für Sildenafil (Viagra) in die Hand und ich forderte es vom Automaten an.
Erektile Dysfunktion – ein Thema bei dem man(n) sich in der Apotheke etwas Diskretion wünschen würde. Die sollte er aber nicht bekommen.
Mein Geld-zurück-Kunde stellte sich direkt neben ihn und redete weiter auf mich ein.
Ich bat ihn, Diskretionsabstand zu wahren, was er ignorierte. Er gehe nicht, bevor er sein Geld habe oder ich seiner Ärztin aufschrieb, was sie tun müsse.
Mein Sildenafil-Kunde hingegen war die Ruhe selbst, ich entschuldigte mich bei ihm und schloss den Vorgang ab.
Zu Mr. Ichgebekeineruhe sagte ich, dass sein Verhalten eine Unverschämtheit wäre.
Da er offensichtlich nur gehen würde, wenn die Polizei ihn der Apotheke verweisen oder ich seiner Ärztin eine kleine sinnlose Notiz aufschreiben würde, entschied ich mich für letzteres.
Er ging.
Genervt bediente ich die nächsten Kunden.
Plötzlich stand er wieder vor mir. Ein Rezept in der Hand.
DIE ÄRZTIN HATTE DAS AUT-IDEM-KREUZ GESETZT.
Ich gab ihm die Hand, glättete damit die Wogen und zahlte ihm sein Geld aus.
Bevor er zufrieden ging, gab er auch mir die Hand.
Es gibt Momente, da sagt ein Handschlag mehr aus als tausend Worte. (Zumindest war das vor Corona so.)
Was die Ärztin betrifft, so habe ich wenigstens erwartet, dass sie sich über mich bei meinem Chef beschweren würde. Was sie nicht tat.
Die Ereignisse fanden Ende November 2019 statt.
Manche Menschen sind wie Wespen. Sie greifen dich solange an, bis du nicht mehr cool und gelassen bleibst.
Dieser Artikel erschien erstmalig am 28. November 2019. Das ist die aktualisierte Version.

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