Bei diesem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung des 19. Kapitel meines zweiten Buchs „#DerApotheker für alle Fälle„, das 2022 erschienen ist. Gekürzt habe ich nur einen Teil der Story, der sich auf vorhergehende Kapitel bezieht.

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Wie man das richtige Triptan gegen seine Migräne findet

Anna ist noch immer im Gespräch mit der älteren Frau, aber während ich hinten war, kam eine weitere Kundin zur Tür herein. Bevor ich jedoch nach vorne gehe, werfe ich mir noch kurz eine Ibuprofen-Tablette ein. Mein Kopf dröhnt noch immer.

»Guten Tag«, begrüße ich sie. Ich schätze sie auf Ende dreißig, höchstens Anfang vierzig.

»Guten Tag. Einmal Naratriptan, bitte!«

»Wurde die Migräne bei Ihnen diagnostiziert?«

»Ja! Ich bekomme das Naratriptan normalerweise immer auf Rezept, aber jetzt sind mir die Tabletten ausgegangen und meine Ärztin ist momentan im Urlaub.«

Unter Migräne versteht man, vereinfacht gesagt, anfallsartige Kopfschmerzen, die mit weiteren Symptomen einhergehen.

Migräne kann in mehreren Phasen auftreten.

Bei etwa einem Drittel der Migränepatienten treten bis zu 72 Stunden vor der Kopfschmerzattacke, in der sogenannten Prodromalphase, Vorbotensymptome auf. In dieser Phase kann es zu Müdigkeit, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Konzentrationsstörungen kommen, aber auch zu Heißhunger, Übelkeit, Nackensteifigkeit und einer Geräuschempfindlichkeit. In circa 30 Prozent der Fälle folgt darauf die sogenannte Aura.

Bei einer Aura handelt es sich um Wahrnehmungsstörungen, die sich zum Beispiel in einem Funkensehen, welches mit einer Sehschwäche einhergeht, ausdrücken oder auch durch Lichterscheinungen, wie einem Flimmern. Des Weiteren werden ebenfalls Sprach- und motorische Störungen (Lähmungserscheinungen) zur Aura gezählt.

Diese Störungen treten nicht schlagartig, sondern nach und nach auf und halten in der Regel für ungefähr eine Stunde an.

Auf die Aura folgt die Kopfschmerzphase, bei der es häufig zu einseitig pulsierend-pochenden Kopfschmerzen kommt, die 4 bis 72 Stunden lang andauern und mit jeder Attacke die Seite wechseln können. Durch Belastung werden die Kopfschmerzen noch zusätzlich verstärkt.

Dazu kann es zu weiteren Symptomen kommen, wie zum Beispiel zu Übelkeit und Appetitlosigkeit (in 80 Prozent der Fälle), Lichtscheu (60 Prozent), Lärmempfindlichkeit (50 Prozent), Erbrechen (40 bis 50 Prozent) und einer Überempfindlichkeit gegenüber Gerüchen (10 Prozent).

Im Anschluss an die Kopfschmerzphase leiden einige Migränepatienten unter Müdigkeit und Erschöpfung.

Migräne ist also eine Erkrankung, die bei jedem anders verlaufen kann. Mal tritt sie mit einer Vorbotenphase auf, mal ohne. Mal mit Aura, mal ohne. Bei dem einen kommt es zu diesen Begleitsymptomen, bei dem anderen zu jenen. So individuell wie die Menschen sind, so individuell ist auch die Migräne. Das sollte immer berücksichtigt werden.

Die meisten Menschen, die unter einer Migräne leiden, sind zwischen 20 und 50 Jahre alt. Aber auch bei Kindern tritt Migräne immer häufiger auf. Jedoch äußert sie sich bei ihnen meistens durch beidseitige Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Schwindel. Während die Erkrankung bei Jungen genauso häufig vorkommt wie bei Mädchen, ist das bei den Erwachsenen anders, denn Frauen leiden ungefähr dreimal so häufig an Migräne wie Männer. Insgesamt betrachtet, tritt Migräne bei etwa 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung auf.

2016 wurde sie in der Studie »Global Burden of Disease« auf dem sechsten Platz der weltweit am häufigsten auftretenden Erkrankungen gelistet. Bei den Erkrankungen des Nervensystems ist sie sogar auf dem ersten Platz.

Man schätzt außerdem, dass die Migräne in 34 bis 57 Prozent der Fälle vererbt wurde.

Was aber genau eine Migräne auslöst, ist nach wie vor nicht vollständig geklärt. Es gilt jedoch als relativ sicher, dass eine Migräne mit einer Erweiterung der Gefäße im Kopf einhergeht.

Allerdings zeigten neuere Untersuchungen, dass die Kopfschmerzattacken zum Teil schon begannen, bevor es überhaupt zur Erweiterung der Gefäße kam. Dennoch scheint die Gefäßerweiterung zu einer Verstärkung der Kopfschmerzen zu führen. Viele Arzneimittel gegen Migräne weisen eine gefäßverengende Wirkung auf.

Außerdem sind wohl die Serotoninrezeptoren und der entzündungsvermittelnde und gefäßerweiternde Botenstoff Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) an der Auslösung eines Migräneanfalls beteiligt. Eine erhöhte CGRP-Konzentration im Blut während eines Anfalls scheint das auch zu belegen.

Heilbar ist Migräne derzeit noch nicht. Man kann also nur die Symptome bekämpfen oder versuchen, die Anfallshäufigkeit, sowie die Stärke und die Dauer der Symptome zu reduzieren.

Was allerdings helfen kann, und das kommt nicht überraschend, ist, den oder die Auslöser ausfindig zu machen und diese dann zu meiden, falls das überhaupt möglich ist. Menschen, die sehr häufig mit einer Migräne zu tun haben, können in bestimmten Fällen auch mit Medikamenten vorbeugen. Zum Beispiel werden die Betablocker Metoprolol und Propranolol vorbeugend eingesetzt. Wie sie da allerdings genau helfen sollen, ist nicht bekannt. Fakt ist jedoch auch, dass in 30 bis 40 Prozent der Fälle sogar ein Placebo vorbeugend wirkt.

Bei Patienten, bei denen mindestens zwei andere vorbeugende Arzneimittel versagt haben, kann man versuchen, die Symptome durch das Spritzen von Botox (Botulinumtoxin A) zu verbessern.

Neu auf dem Markt sind drei Antikörper, die gegen das CGRP gerichtet sind und zur Migränevorbeugung zugelassen sind. Sie fangen das CGRP ab, sodass es folglich nicht mehr über seinen Rezeptor die gefäßerweiternde und entzündungsvermittelnde Wirkung auslösen kann.

Vorteilhaft ist, dass die Antikörper besser verträglich sind als die übrigen auf dem Markt befindlichen Arzneimittel zur Vorbeugung einer Migräne. Da sie allerdings auch wesentlich mehr kosten, werden sie aktuell nur dann eingesetzt, wenn die anderen versagen oder wenn gegen diese eine Unverträglichkeit vorliegt. Die Antikörper müssen mittels Fertigpen unter die Haut gespritzt werden.

Ein Fertigpen ist ein Stift, der eine bestimmte Menge eines Arzneimittels enthält, das auf einmal oder auf mehrere Male verteilt, gespritzt wird. Ist der Stift leer, wird er entsorgt.

Im Gegensatz zu einer Spritze, ist er leichter zu handhaben, weil man die Nadel nicht selbst in die Haut stecken muss. Man setzt den Pen auf die Haut auf und aktiviert per Knopfdruck die dünne Nadel, die dann herausspringt und den Wirkstoff in das Gewebe freisetzt.

Eine Migräne wird in manchen Fällen auch durch gefäßerweiternde Medikamente ausgelöst. Ein Beispiel wäre das Nitroglycerin, das bei Angina pectoris, einer Brustenge aufgrund einer Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße, eingesetzt wird.

Ebenso können bestimmte Nahrungsmittel wie Alkohol, Kaffee, Käse, Rotwein und Schokolade als Auslöser in Frage kommen. Auch Stress und Schlafmangel genauso wie zu viel Schlaf können verantwortlich sein. Bei mehr als der Hälfte der Frauen, die unter Migräne leiden, treten die Migräneattacken zudem kurz vor der Menstruation auf.

Die Behandlung der Migräne reicht bis in die Antike zurück.

Von da an bis weit ins 19. Jahrhundert hinein glaubte man, entsprechend der Vier-Säfte-Lehre, die Ursache der Migräne läge im Aufsteigen schlechter Säfte. Allgemein soll eine Störung des Mischungsverhältnisses der vier Säfte verantwortlich für eine Krankheit sein. Von den vier Säften, der gelben und schwarzen Galle, dem Blut und dem Schleim, stand vor allem die schwarze Galle im Verdacht, Migräne auszulösen. Um also die Migräne zu behandeln, wendete man Verfahren mit dem Ziel an, die Säfte auszuleiten. Dazu wurden die Patienten zum Beispiel zum Aderlass gebeten, oder man übergab die Aufgabe an Blutegel. Andere Möglichkeiten waren das Herbeiführen von Erbrechen oder die Anwendung von Klistieren zum Abführen.

Der Schweizer Arzt Samuel Auguste Tissot riet 1780 erstmals den Menschen, die unter einem Migräneanfall litten, Kaffee zu trinken, was tatsächlich auch eine Linderung einbrachte. Dafür verantwortlich war ein im Kaffee enthaltenes Alkaloid namens Koffein, das eine gefäßverengende Wirkung aufweist.

Koffein wurde allerdings erst 1819 von Friedlieb Ferdinand Runge, einem Apotheker und Chemiker, entdeckt, der sich auf die Suche nach der wirksamen Substanz des Kaffees machte, nachdem Johann Wolfgang ihm Kaffeebohnen für seine Untersuchungen schenkte. (Mehr dazu in „Die Wahrheit über unsere Drogen„)

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert stieg mit der Entdeckung der Alkaloide und der daraufhin folgenden Geburt der pharmazeutischen Industrie die Anzahl der Arzneimittel zur Behandlung der Migräne rasant an. Viele »wirkten« allerdings nur aufgrund eines Placeboeffektes.

Der österreichische Arzt und Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud fand ganz besonders an einem Alkaloid Gefallen, mit dem er selbst seine Migräneattacken behandelte und ihm zufolge unterbrechen konnte: Kokain.

Vermutlich wirkt Kokain bei einer Migräneattacke, indem es unter anderem die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Serotonin hemmt, wodurch die Serotonin-Konzentration im synaptischen Spalt erhöht wird. Folglich kann mehr Serotonin an die 5-HT1B/1D-Rezeptoren binden und sie aktivieren. Über diese Rezeptoren wirkt Serotonin gefäßverengend und kann so die Kopfschmerzen einer Migräneattacke, die mit erweiterten Gefäßen einhergeht, reduzieren.

5-HT steht für 5-Hydroxytryptamin, was wiederum ein anderer Name von Serotonin ist.

Ebenfalls setzte man früher Cannabis zur Behandlung der Migräne ein, was selbst in schweren Fällen gut gewirkt haben soll. Und auch heute noch gibt es Menschen, die ihre Migräne durch Kiffen lindern wollen. Allerdings existiert kein wissenschaftlicher Nachweis, dass Cannabis bei Migräne hilft. Vermutlich ist auch hier die Wirkung auf den Placeboeffekt zurückzuführen.

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit zur Bekämpfung von Migräneattacken glaubte man Anfang des 20. Jahrhunderts in einem radioaktiven Arzneimittel gefunden zu haben, das Alpha-Strahlen abgab und so, wie auch immer, gegen die starken Migräne-Kopfschmerzen wirken sollte.

Einen richtigen Gamechanger in der Migränetherapie stellte allerdings das 1921 auf den Markt gekommene und erstmals 1926 gegen Migräne eingesetzte Ergotamin dar, dem Hauptalkaloid des Mutterkorn-Pilzes.

Ergotamin wirkt, wie Serotonin, als Agonist an den 5-HT
1B/1D-Rezeptoren, was, wie erwähnt, eine Gefäßverengung auslöst. Da Ergotamin allerdings viele Nebenwirkungen aufweist, weil es ebenfalls an andere Rezeptoren bindet, wird es nur noch unter bestimmten seltenen Bedingungen bei Migräne eingesetzt.

Während man bei leichten bis mittelstarken Migräneattacken auf nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie zum Beispiel ASS, Ibuprofen und Diclofenac setzt, behandelt man mittelstarke und schwere Migräneattacken, die nicht auf NSAR ansprechen, mit Triptanen.

Da die NSAR nicht gegen Übelkeit wirken, wird meist noch eines der beiden Antiemetika Metoclopramid oder Domperidon gegeben. Der körpereigene Botenstoff Dopamin kann durch Aktivierung seines D2-Rezeptors Übelkeit und Erbrechen auslösen, er hat also einen emetischen Effekt. Metoclopramid und Domperidon blockieren vereinfacht dargestellt D2–Rezeptoren, wodurch sie die Magenentleerung und die Dünndarmpassage beschleunigen und einen antiemetischen Effekt ausüben, sie reduzieren dementsprechend das Risiko für Übelkeit und Erbrechen.

Bei Triptanen ist es meistens nicht nötig, zusätzlich noch ein Antiemetikum einzusetzen. Auch die Empfindlichkeit gegenüber Licht und Lärm wird von den Triptanen gut gedämpft.

Triptane leiten sich strukturell vom Serotonin ab, weshalb sie ebenfalls die 5-HT1B/1D-Rezeptoren aktivieren können. Im Gegensatz zum Ergotamin haben sie allerdings den Vorteil, dass sie nicht noch zusätzlich an die anderen Rezeptoren binden und somit auch weniger Nebenwirkungen auslösen.

Triptane stellen noch immer den Goldstandard der Migränetherapie dar. Ihre Wirksamkeit wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen.

Neben der gefäßverengenden Wirkung im Gehirn hemmen die Triptane außerdem die Freisetzung von Botenstoffen, insbesondere des CGRP, aus Nervenendigungen des sich im Kopf befindlichen Trigeminus-Nervs. Des Weiteren unterbrechen Triptane die für die Schmerzwahrnehmung verantwortliche Signal-Übertragung der Nervenzellen im Bereich des Hirnstamms.

Das erste Triptan, das auf den Markt kam, war das Sumatriptan. Es wurde zuerst 1991 in den USA zugelassen und kurz darauf auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Alle anderen Triptane wie Zolmitriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Eletriptan, Almotriptan und Frovatriptan sind Weiterentwicklungen des Sumatriptans, bei denen man das ein oder andere verbessert hat.

Triptane sind verschreibungspflichtig. Es gibt momentan nur drei Ausnahmen, die jedoch an Bedingungen geknüpft sind. Dazu müssen wir kurz einen Blick in die Anlage 1 der Arzneimittelverschreibungsverordnung werfen. Dort finden wir eine alphabetische Auflistung aller in Deutschland verschreibungspflichtiger Arzneimittel. Scrollen wir bis zum Buchstaben N, finden wir das Naratriptan. Es ist also verschreibungspflichtig.

Allerdings finden wir in der Verordnung zu Naratriptan noch eine Ergänzung, die angibt, in welchen Fällen es ohne Rezept abgegeben werden kann:

»… ausgenommen zur akuten Behandlung der Kopfschmerzphase bei Migräneanfällen mit und ohne Aura, nach der Erstdiagnose einer Migräne durch einen Arzt, in festen Zubereitungen zur oralen Anwendung in Konzentrationen bis 2,5 mg je abgeteilter Form und in einer Gesamtmenge von 5 mg je Packung …«

Im Klartext heißt das, wer also Naratriptan ohne Rezept kaufen möchte, muss vorher seine Migräne von einem Arzt diagnostiziert haben lassen.

In der Apotheke läuft das dann so ab:

#Kunde: Einmal Naratriptan, bitte.

#DerApotheker: Wurde die Migräne diagnostiziert?

#Kunde: Ja!

#DerApotheker: Okay. Hier, bitte. (Beratung …)

 

Manchmal läuft es allerdings auch so ab:

#Kunde: Einmal Naratriptan, bitte.

#DerApotheker: Wurde die Migräne diagnostiziert?

#Kunde: Nein!

#DerApotheker: Dann darf ich es Ihnen leider nicht verkaufen.

Letzteres Beispiel sorgt dann natürlich für Unverständnis, da man uns nur hätte belügen müssen, um ohne Rezept an das Naratriptan zu kommen. Aber wir machen die Regeln nun mal nicht, wir befolgen sie (bestenfalls) nur.

Was außerdem auffällt, ist, dass vom Naratriptan ohne Rezept nur insgesamt zwei Tabletten mit je 5 Milligramm abgegeben werden dürfen.

Im Handel befinden sich noch die verschreibungspflichtigen Varianten mit sechs oder zwölf Filmtabletten.

Naratriptan wurde unter diesen Bedingungen 2006 aus der Rezeptpflicht entlassen. 2009 folgte das Almotriptan, das aber erst 2011 in seiner rezeptfreien Version auf den Markt kam.

Auch hier finden sich die gleichen Bedingungen, nur dass eine Tablette 12,5 Milligramm Almotriptan enthält und ebenfalls maximal zwei Tabletten in einer Packung enthalten sein dürfen. Zusätzlich gibt es noch die verschreibungspflichtigen Packungen mit 6 und 14 Tabletten.

Das neueste Triptan, das ebenfalls unter exakt denselben Bedingungen zu haben ist, ist das im November 2020 freigegebene Sumatriptan, das nun in einer Packung mit zwei Tabletten zu je 50 Milligramm frei verkäuflich ist.

Vom Sumatriptan gibt es auf Rezept nicht nur Packungen mit sechs und zwölf Tabletten zu je 50 Milligramm, sondern auch Packungen mit zwei, sechs und zwölf Tabletten, die je 100 Milligramm Sumatriptan enthalten.

Und in diesem Fall kommt auch der Zusatz »in festen Zubereitungen zur oralen Anwendung« zur Geltung, denn von Sumatriptan sind zusätzlich noch Nasensprays und Injektionslösungen im Handel, deren Wirkung schneller eintritt als die der Tabletten.

Gemeinsam haben die Triptane in Tablettenform, dass sie nicht für Kinder zugelassen sind und auch nicht von Menschen eingenommen werden sollten, die älter als 65 Jahre sind. Der Grund dafür: Es liegen bisher keine Erfahrungen zur Sicherheit und Wirksamkeit der Triptane bei Menschen in diesem Alter vor. Natürlich kann ein Arzt das, wenn er es für sicher hält, trotzdem für Menschen verordnen, die älter als 65 oder jünger als 18 Jahre sind.

Für Kinder ab 12 Jahren zugelassen sind Sumatriptan und Zolmitriptan als Nasenspray.

Triptane dürfen nicht eingenommen werden, wenn man unter Krankheiten leidet, die durch eine Gefäßverengung schlimmer werden könnten. Beispiele dafür sind hoher Blutdruck und die Koronare Herzerkrankung (KHK), bei der die großen Adern verengt sind, die den Herzmuskel mit Sauerstoff versorgen.

Ansonsten dürfen Triptane wegen der Gefahr eines Serotoninsyndroms nicht mit anderen Arzneimitteln kombiniert werden, die die Konzentration von Serotonin erhöhen. Beispiele wären hier MAO-Hemmer oder die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren, wie Citalopram. Mehr dazu in Kapitel 5.

Dass bei meiner Kundin die Migräne von ihrer Ärztin diagnostiziert wurde, erlaubt es mir, ihr auch tatsächlich die gewünschten Naratriptan-Tabletten abzugeben.

»Mit der Anwendung kennen Sie sich dann aus?«, frage ich sie.

»Ich denke schon. Aber erzählen Sie ruhig mal. Vielleicht mache ich ja doch irgendwas falsch.«

»Gern! Grundsätzlich sollten Triptane so schnell wie möglich, aber frühestens mit dem Beginn der Kopfschmerzphase, eingenommen werden.«

»Das heißt, sie bringen nichts mehr, wenn ich es nicht schaffen sollte, gleich wenn die Kopfschmerzen losgehen, eine Tablette einzunehmen?«

»Doch, auch dann kann man noch ein Triptan einnehmen. Aber: Je früher, desto besser.«

»Bei mir kündigt sich die Migräneattacke immer mit einer Aura an. Ich könnte die Tablette also theoretisch schon einnehmen, bevor die Kopfschmerzen überhaupt losgehen. Dann bin ich auf der sicheren Seite, oder?«

»Nein. Es muss tatsächlich gewartet werden, bis die Aura abklingt, da in dieser Phase die Blutgefäße noch nicht erweitert sind. Deshalb würde die Einnahme eines gefäßverengenden Mittels noch gar keinen Sinn ergeben.«

»Hmm. Verstehe.«

»Kommen Sie denn sonst gut mit dem Naratriptan zurecht?«

»Geht so. Ehrlich gesagt, dauert es ganz schön lange, bis die endlich anfangen zu wirken.«

»Das liegt daran, dass die Wirkung des Naratriptans erst nach etwa vier Stunden eintritt.«

»Ach so? Das hat mir noch nie jemand gesagt. Ich habe oft immer gleich eine zweite nachgeworfen, weil die blöde Tablette ja nicht gewirkt hat.«

»Grundsätzlich ist es bei Triptanen so, dass man während derselben Attacke innerhalb 24 Stunden nur dann eine weitere Tablette einnehmen darf, wenn die Kopfschmerzen nach der ersten aufhörten, dann aber wiederkamen. Allerdings muss immer ein Mindestabstand eingehalten werden, der sich von Triptan zu Triptan unterscheidet. Wenn die Tablette allerdings überhaupt nicht gewirkt hat, darf keine zweite eingenommen werden. In Ihrem Fall hat sie noch nicht gewirkt.«

»Wann hätte ich denn frühestens eine zweite Tablette Nara-triptan einnehmen dürfen?«

»Nach vier Stunden!«

»Ooopsie. Dürfen Sie mir denn ein anderes Triptan verkaufen, das schneller wirkt, oder muss ich mir das dann verordnen lassen?«

»Da Ihre Migräne diagnostiziert wurde, können Sie auch die anderen beiden frei verkäuflichen Triptane ausprobieren. Das wären dann Sumatriptan und Almotriptan. Jedes Triptan hat seine Vor- und Nachteile. Sumatriptan wirkt nicht nur etwas stärker als Naratriptan, sondern auch früher, nämlich bereits nach rund 45 bis 60 Minuten. Das hat es mit dem Almotriptan gemeinsam. Falls Sie das Sumatriptan mal ausprobieren wollen, müssten Sie wissen, dass es dafür nicht so lange wirkt wie das Naratriptan.«

»Woran liegt das?«

»Das liegt daran, dass Naratriptan eine Halbwertszeit von sechs Stunden hat und Sumatriptan nur eine von zwei Stunden, was …« Sie unterbricht mich.

»Was bedeutet Halbwertszeit?«

»Die Halbwertszeit gibt an, wann die Konzentration einer Substanz im Blut auf die Hälfte ihrer Ausgangskonzentration abgesunken ist. Da eine Substanz nur dann wirkt, wenn von ihr eine bestimmte Konzentration im Blut vorhanden ist, man nennt das die minimale effektive Konzentration, muss bei einer kurzen Halbwertszeit das Arzneimittel öfter eingenommen werden als bei einer langen. Naratriptan mit seiner Halbwertszeit von sechs Stunden wird also weniger schnell ausgeschieden als das Sumatriptan mit zwei Stunden.«

»Okay, ich fasse zusammen: Mein Naratriptan wirkt länger, und ich muss eher keine weitere Tablette einnehmen. Dafür würde das Sumatriptan schneller wirken, aber halt nicht so lange.«

»Genau! Die zweite Tablette Sumatriptan können Sie einnehmen, sobald die Wirkung nachlässt, frühestens jedoch nach zwei Stunden.«

»Okay. Gibt es denn keinen Kompromiss?«

»Doch, das Almotriptan mit einer Halbwertszeit von 3,5 Stunden könnte da durchaus einen Mittelweg darstellen. Es wirkt ungefähr genauso stark und schnell wie das Sumatriptan, aber eben etwas länger. Auch hier darf die zweite Tablette frühestens nach zwei Stunden eingenommen werden.«

»Interessant! Verstehe ich das richtig, dass man einfach ein paar Triptane durchprobieren sollte, um das Passende für sich zu finden?«

»Genau. Tritt die Migräne schnell ein, empfiehlt es sich, ein schnell wirkendes Triptan einzunehmen, hält sie aber eher lange an, sollte eins mit einer langen Halbwertszeit gewählt werden. War man mit der Wirkung nicht zufrieden, testet man das nächste Mal einfach ein anderes aus. Wenn nötig, ein verschreibungspflichtiges. Wenn es Ihre Ärztin verordnet, haben Sie auch die Möglichkeit, Sumatriptan in Form eines Nasensprays oder sogar als Injektion auszuprobieren. Die Wirkung tritt mit diesen Arzneiformen im Vergleich zur Tablette früher ein. Ansonsten wären vielleicht Rizatriptan oder Eletriptan einen Versuch wert, wenn die Kopfschmerzattacke eher schnell eintritt. Frovatriptan wirkt wie Naratriptan länger, aber eben auch erst später.«

»Also ein Nasenspray würde ich tatsächlich gern mal ausprobieren. Das muss ich mal mit meiner Ärztin besprechen. Aber was ist mit Nebenwirkungen? Sind die von den verschreibungspflichtigen Triptanen schlimmer?«

»Nein. Die Nebenwirkungen der Triptane sind alle ähnlich. Zum Beispiel können sie manche Anwender müde machen und/oder Schwindel und Benommenheit auslösen. Bei Sumatriptan tritt als Nebenwirkung häufiger ein Engegefühl in der Brust ein als zum Beispiel bei Almotriptan und Naratriptan.«

»Mit Naratriptan hatte ich zumindest bisher keine Probleme, was Nebenwirkungen angeht.«

»Das ist gut. Was ist eigentlich mit Ibuprofen, ASS und so, haben Sie die bereits ausprobiert?«

»Ja, natürlich! Die bringen bei mir überhaupt nichts! Nada. Niente. Sobald es losgeht, werfe ich mir mein Naratriptan ein, ziehe mich in mein Zimmer zurück, schließe die Vorhänge und stecke mir Ohrstöpsel ins Ohr.«

»Reizabschirmung kann schon viel bringen!«

»Mir auf jeden Fall!«

»Haben Sie sonst noch irgendwelche Erkrankungen? Bluthochdruck oder so?«

»Nein. Bis auf Migräne habe ich nichts. Ich bin auch nicht schwanger, und rauchen tu ich auch nicht!«

»Okay, gut. Wollen Sie dann das Sumatriptan mal ausprobieren, oder sind Ihre Attacken eher länger, sodass Almotriptan vielleicht die bessere Option für Sie wäre?«

»Ich denke, ich versuche es erstmal mit dem Sumatriptan. Dann sehe ich weiter.«

»Okay, einen kleinen Moment, bitte.« Ich gehe zum Regal mit den Kopfschmerztabletten und entnehme eine Packung Sumatriptan. »So, bitte schön.« Ich lege die Packung auf den HV-Tisch. »Haben Sie noch Fragen dazu?«

»Von Sumatriptan kann ich also nach zwei Stunden eine zweite nehmen, weil die nicht so lange wirkt. Ansonsten nehme ich es ein wie das Naratriptan auch, oder?«

»Genau!«

»Okay. Dann habe ich keine weiteren Fragen!«

»Alles klar, dann wären es bitte 6,90 Euro.«

»Mit dem Smartphone, bitte.« Sie hält es an das Kartenlesegerät, und es piept zufrieden. Ich gebe ihr die Packung Sumatriptan und die beiden Belege.

»Dann vielen Dank für Ihre Beratung. Bis zum nächsten Mal. Tschüss.«

»Sehr gern! Tschüss.«

Dieses Kapitel ist folgendem Buch entnommen:

#DerApotheker für alle Fälle: Die häufigsten Beschwerden. Die unsinnigsten Versprechen. Die besten Mittel

Cover meines zweiten Buchs: #DerApotheker für alle Fälle
#DerApotheker für alle Fälle

Worüber ich sonst noch darin geschrieben habe, möchtest du wissen?

Hier ist das Inhaltsverzeichnis:

Des Apothekers Vorwort 9

Kapitel 1: Warum man mit den Z-Substanzen Zolpidem und Zopiclon zwar besser schläft, sie aber nicht unbedenklich sind 13

Kapitel 2: Wie man Trockensäfte richtig zubereitet und was man
über Penicilline wissen sollte 23

Kapitel 3: Was Ashwagandha ist und warum man lieber darauf verzichten sollte 34

Kapitel 4: Warum man nicht auf Aluminium unter seinen Achseln verzichten muss 41

Kapitel 5: Warum Escitalopram bei Depressionen nicht unbedingt besser wirkt als Citalopram 51

Kapitel 6: Warum man nicht auf Fluorid in der Zahnpasta verzichten sollte 69

Kapitel 7: Was der Unterschied zwischen Opiaten und Opioiden ist und was man über Morphin zur Behandlung von Schmerzen wissen sollte 81

Kapitel 8: Warum Plazenta-Globuli Placebo-Globuli sind 94

Kapitel 9: Was man über Pseudomedizin wie Schüßler-Salze, Bach-Blüten und die anthroposophische »Medizin« wissen sollte 105

Kapitel 10: Warum CBD-Öl nicht hält, was es verspricht 114

Kapitel 11: Was bei einer Blasenentzündung hilft und was nicht 127

Kapitel 12: Welche Bindehautentzündungen man unterscheidet und wie man sie behandeln kann 146

Kapitel 13: Warum Antihistaminika als Schlafmittel nicht ungefährlich sind 159

Kapitel 14: Was man bei einem erblich bedingten Haarausfall machen kann und worauf man verzichten sollte 169

Kapitel 15: Warum Ginkgo-Präparate nicht immer ihr Geld wert sind 186

Kapitel 16: Warum Tilidin mit einem Mittel kombiniert wird, das die gegenteilige Wirkung hat 196

Kapitel 17: Warum Tramadol nicht nur gegen Schmerzen wirkt, sondern bei manchen auch eine antidepressive und angstlösende Wirkung haben kann 212

Kapitel 18: Warum die Behandlung eines Lippenherpes häufig nur Geldverschwendung ist 218

Kapitel 19: Wie man das richtige Triptan gegen seine Migräne findet 231

Kapitel 20: Wie man Durchfall am besten behandelt und ob Racecadotril es mit Loperamid aufnehmen kann 248

Kapitel 21: Was bei Problemen durch eine vergrößerte Prostata hilft und was nicht 266

Kapitel 22: Warum Rapper Codein einnehmen, obwohl sie keinen Reizhusten haben 279

Kapitel 23: Warum das Hormon Melatonin nichts im Supermarkt zu suchen hat 291

Kapitel 24: Was alles in eine Hausapotheke gehört 301

Arzneimittel, die im Text erwähnt werden 317

Textauszug aus Die Wahrheit über unsere Medikamente 319

Ein weiteres Probekapitel – dieses Mal aus meinem ersten Buch „Die Wahrheit über unsere Medikamente“ – kannst du hier lesen: Warum pflanzliche Arzneimittel die wahren Chemiebomben sind

Die Themen meiner anderen Bücher findest du auf dieser Seite: Meine Bücher

Mehr Infos sowie eine Liste aller alten und zum Teil auch neuen Ausgaben des Infoletters findest du hier: Mein Infoletter

Weitere Themen, über die ich etwas geschrieben habe, findest du in der Themenliste.

Wer noch mehr dazulernen oder sein Wissen auffrischen möchte, findet weitere spannende Themen in meinen Büchern, in meinen weiteren Blogartikel und/oder kann auf meiner Steady-Seite meinen Infoletter #DerApothekerInformiert abonnieren.

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